Verhöre, Folter und Geständnisse

Vom 19. Oktober bis zum 24. November 1307 arbeitete Imbert im Tempel. Die Methoden der Inquisition lockten auch dem widerstandsfähigsten Templer ein Geständnis hervor. Man legte dem Angeklagten eine lange Liste von Verbrechen vor, aus der er dann jene Schandtaten konnte, mit denen er sich am ehesten "anfreunden" konnte. Protokolle aus jenen Verhören sind kaum erhalten geblieben.

 

Diese neun Anklagepunkte gehören wohl zu den häufigsten:

 

 

1) Dass bei der Aufnahmezeremonie neue Brüder gezwungen werden, Christus, Gott die Jungfrau Maria oder die Heiligen zu verleugnen.

 

2) Dass die Brüder verschiedene frevelhafte Handlungen am Kreuz oder auf einem Abbild Christus vollziehen.

 

3) Dass die Würdenträger des Ordens den neuen Brüdern obszöne Küsse auf den Mund, den Nabel oder den Anus geben.

 

4) Dass die Priester des Ordens die Hostien nicht weihen und dass die Brüder nicht an die Sakramente glauben.

 

5) Dass die Ordensbrüder ein Götzenbild in Form einer Katze oder eines Kopfes verehren.

 

6) Dass sich die Brüder gegenseitig ermutigen Sodomie zu betreiben.

 

7) Dass der Großmeister oder andere Würdenträger ihren Mitbrüdern die Absolution erteilt.

 

8) Dass die Templer ihre Ordenskapitel und Aufnahmezeremonien bei Nacht abhalten.

 

9) Dass die Templer ihre Wohltätigkeitspflichten missbrauchen und verbotene Mittel anwenden, um Güter zu erlangen und um ihre Macht zu vergrößern.

 

 

Es gab spezielle Vorschriften, wie von Templern, "qui semper negaverunt et negant", die immer bei ihrem Nein bleiben, ein Geständnis erzwungen werden sollte.

 

Zunächst sollte durch ausführliche Untersuchungen geprüft werden, ob der Beschuldigte in späteren Aussagen von früher gemachten abwich, ob man ihn durch selbst von weither geholten Zeugenaussagen belasten oder durch eine Art Beugehaft mürbe machen konnte.

Für eine nötige zweite Phase wurde eine härtere Gangart empfohlen: magere Kost, Wasser und Brot mit einigen wenigen Zutaten, falls nicht Alterschwäche oder Krankheit des Inhaftierten solches verbieten würden. Hatte auch diese Vorgehen nicht geholfen, den Beschuldigten 'zur Wahrheit zurückzuführen', dann war ihm aus den päpstlichen Bullen vorzulesen und zu sagen, dass das Gros seiner Mitbrüder freiwillig und ungezwungen gestanden hätte.

 

Bei andauernder Erfolglosigkeit hatte sodann die Androhung der Tortur und das Vorzeigen der Folterinstrumente zu erfolgen.

 

Aber die Folterung sollte sich nicht sofort anschließen, sondern die Reaktion des Verhörten auf die Vorbereitungen hierzu abgewartet werden. Erst wenn dieser immer noch nicht zu einer Aussage bereit war, sollte die Folter angewandt werden, jedoch leicht und niemals in außergewöhnlich starkem Grad.

 

Die kirchlichen Sakramente waren demjenigen zu verweigern, der nicht beichtete, und sollte der Häftling sterben, war ein kirchliches Begräbnis nicht unbedingt vorgesehen.

 

Angesichts solcher Androhungen versagte bei den meisten Templern die Widerstandskraft oft schon vor der Anwendung der Folter.

 

Jacques de Molay kam am 24. Oktober zum Verhör. Er gestand, bei seiner Aufnahme in den Orden durch Humbert de Pairaud zum Bespeien des Kreuzes und der Verleugnung Christi aufgefordert worden zu sein.

 

Er habe dies gegen seinen Willen getan. Entschieden leugnete der Großmeister jedoch, jemals Sodomie praktiziert zu haben.

 

Am 9. November 1307 wurde Hugue de Pairaud, der zweithöchste Würdenträger des Ordens, verhört. An seinem Beispiel sieht man, wie wirkungsvoll die Folter oder zumindest die Androhung der Folter angwendet wurde.

 

Er gestand bei seiner ersten Befragung das dreimalige Leugnen Christi, das Bespeien des Kreuzes und die unsittlichen Küsse. Zunächst behauptete er, nicht zu wissen, ob diese schlimmen Zeremonien allgemein üblich gewesen seien oder nicht.

 

Noch am selben Tag verlangte er jedoch, nochmals gehört zu werden, und erklärte daraufhin, den Inquisitor zuvor nicht recht verstanden zu haben; die Zeremonien seien bei allen Niederlassungen des Ordens üblich gewesen.

 

Geoffroy de Gonneville, ebenfalls einer der höchsten Würdenträger des Ordens, gestand die Verleugnung Christi.

 

Außerdem wusste er etwas über die Herkunft dieses Brauchs zu berichten: Ein vormaliger Großmeister habe, um aus muslimischer der Gefangenschaft frei zu kommen, versprochen, diese Zeremonien im Orden einzuführen. Gonneville folgte später dem Beispiel Molays nicht, vor Notre-Dame zu widerrufen.

 

Raynier de Larchant, am 20. Oktober verhört, gab weitere Einzelheiten über das Götzenbild zu Protokoll. Er habe es zwölfmal gesehen, zuletzt im Tempel zu Paris. In seiner Aussage beschrieb Larchant das Idol als einem Kopf mit Bart. Alle hätten den Götzen geküsst, angebetet und Erlöser genannt.

 

Hinzuzufügen sei nur, dass bei der Durchsuchung des Pariser Tempels nur ein numerierter Schädel, vermutlich eine Reliquie, gefunden wurde, den man nicht genau bestimmen konnte. Doch auch er sollte dem päpstlichen Tribunal vorgelegt werden.

 

Auch der angesehene Templer Pierre de Bologne, ein Priester und Jurist, gab vor der Inquisition die dreimalige Verleumdung, das Bespeien des Kreuzes und schandbare Küsse zu, sollte im Prozess der Kirche aber vor dem Tribunal alle diese Anklagen als lächerlich und unsinnig bezeichnen und seine Aussagen widerrufen.

 

Die gefangenen Templer hatten gar Fürchterliches auszustehen. Gérard du Passage berichtete, wie er vom Bailli des Königs im Màcon gefoltert wurde; man hatte an seinen Geschlechtsteilen, wie auch an anderen Körperteilen, Gewichte aufgehängt, bis er ohnmächtig wurde.

 

Wenn man erfährt wie mit den Ordensbrüdern umgegangen wurde, ist es nicht verwunderlich, dass ein Raynbaud de Charon zuerst schändliche Zeremonien bei der Aufnahme leugnete, aber dann, nach kurzer Verhörpause, am Abend desselben Tages zumindest die Verleugnung Christi zugab.

 

Einer der tapfersten Templer war wohl Ponsard de Gisy, der Komtur des Mutterhauses des Ordens, Payens.

 

Er berichtet von unerträglichen Qualen:

Man hat mir die Hände so auf den Rücken gebunden, daß mir das Blut aus den Nägeln lief. Dann warf man mich in eine Grube, ungefähr eine Stunde lang.

 

Für die Verteidigung des Ordens war Gisy bereit, den Tod durch Feuer oder durch Erhängen zu erleiden. Wie er sagte, könne er die Qual des Kerkers, die schon über zwei Jahre dauere, nicht länger ertragen.

 

Ein anderer Templer berichtet, man habe ihm mit einem Trichter Wasser in den Mund gegossen, und seine Nahrung habe sieben lange Wochen nur aus Wasser und Brot bestanden.

 

Auch Papst Clemens kamen bald Zweifel. Er stellte die bisherigen Untersuchungen in Frage. Offenbar hatte er erfahren, wie brutal die Beamten des Königs vorgegangen waren, um der Inqusition zwingende Beweise für die Schuld des Ordens zu liefern.

 

Sicherlich starben viele Templer in der Folterkammer, am Galgen oder am Scheiterhaufen, doch die meisten, die für ihre Sünden Buße getan hatten, wurden nach der Auflösung des Ordens freigelassen und erhielten zum Großteil eine Leibrente aus dem Vermögen des Templerordens.