Xaghra und Ggantija-Tempel

Traditionelles Dorf mit neolithischem Tempel

 

Das idyllische Landstädtchen Xaghra (schahra) auf einem ausgedehnten Hochplateau nordöstlich von Victoria zählt mit etwa 3200 Einwohnern zu den größten Orten Gozos. Zahlreiche neolithische Fundstellen (Santa Verna, Brocktorff’s Circle, Ggantija) bezeugen hier eine Besiedlung mindestens seit dem Ende des 5. Jtd. v. Chr. Auf dem nahen Nuffara-Hügel zwischen Xaghra und Nadur wurde zudem eine bronzezeitliche Fluchtburg der Borg-in-Nadur-Phase ergraben, deren Keramik auf eine eigenständige Entwicklung Gozos hinweist.

 

Bei der Anfahrt von Victoria folgt man einer schönen Oleanderallee durch fruchtbare Felder, die sicher schon auch die bronzezeitlichen Menschen bestellten. Kurz hinter dem Ortseingang zeigt ein Wegweiser zu den Ggantija-Tempeln, der bedeutendsten Sehenswürdigkeit von Gozo. Geradeaus kommt man auf die große Pjazza Vittorja, die von der typischen Zweiturmfassade der Pfarrkirche aus dem 19. Jh. beherrscht wird. Zu Mariä Geburt, am zweiten Septemberwochenende, findet hier eine der größten Festas Gozos statt.

 

Vom Platz weisen Schilder zu zwei kleineren Tropfsteinhöhlen, auf die man bei der Errichtung von Zisternen stieß. Ninu’s Cave in der Triq Januar (tgl. 8.30-18 Uhr) und Xerri’s Grotto an der Triq L-Ghar Ta’ Xerri (tgl. 9-18 Uhr) kann man heute besichtigen. Zu den angestrahlten Stalagmiten und Stalaktiten muss man durch die Privaträume der Besitzer gehen.

 

Südöstlich vom Platz, am Rand des Plateaus, steht die gut erhaltene Windmühle Ta’Kola, die Großmeister Vilhena 1724 zusammen mit denen von Nadur und Qala errichten ließ. Sie standen unter dem Getreidemonopol des Ordens und ersetzen die traditionellen, von Eseln angetriebenen Mühlen.

 

Heute ist sie die einzige Maltas, die noch mit Leinwand bespannte Windflügel besitzt, auch das Mahlwerk funktioniert noch. Zudem ist hier ein mit Originalgegenständen ausgestattetes Museum untergebracht (Apr.-Sept. Mo-Sa 8.30-18.30, So bis 15 Uhr, sonst Mo-Sa nur bis 16.30 Uhr).

 

Die Ggantija-Tempel (dschigantija) liegen etwas weiter am Plateau-Rand (Öffnungszeiten wie Ta’Kola). Ein Teil der Anlage, die aus zwei parallelen, zweiachsigen Sakralkomplexen mit gemeinsamer Außenmauer besteht, zählt zu den ältesten Tempeln auf dem Archipel (3600-3200 v. Chr.). Aufgrund der aus der Erde ragenden Felsblöcke war die Kultstelle nie ganz in Vergessenheit geraten.

 

Die mittelalterliche Bevölkerung, die sich solche Steinbauten nicht erklären konnte, deutete sie als Werk einer Riesin und gab dem Platz den heutigen Namen. 1824 begann man mit ersten Grabungen, als einzige Zeugnisse aus dieser Zeit dokumentieren die Brocktorff-Aquarelle den inzwischen verlorenen Skulpturenschmuck.

 

Einen Rundgang beginnt man am besten mit dem älteren Südtempel. Dieses Bauwerk, dessen hintere kleeblattförmige Achse mit großem Kopfbereich aus der Zeit um 3600 v. Chr. stammt, wurde um 3200 v. Chr. um die vorderen Raumbuchten erweitert. Bevor man jedoch den Eingang passiert, lohnt sich ein Blick auf die Fassade, deren Mittelteil heute zusammengebrochen auf dem Vorhof liegt.

 

Besonders auffällig ist hier die Verwendung von Korallenkalk (und nicht von Globigerinenkalk wie sonst zumeist), der an dieser Stelle leichter zu gewinnen war. Eine gute Vorstellung von der ursprünglichen Höhe der Fassade gibt ihre noch bis zu 6 m aufragende linke Ecke.

 

Eine riesige Steinplatte, die als Altar diente, liegt vor dem Eingangstrilith, dessen Deckstein allerdings fehlt. Dahinter öffnet sich der vordere Trakt, dessen linke Apsis Reste des Torba-Bodens aufweist, eine Art neolithischer Beton aus Lehm und gemahlenem Kalkstein vermischt mit Wasser.

 

In der rechten Apsis sind noch Blöcke der ursprünglichen Kultausstattung erhalten, mit Altarschwellen und schwach spiralig reliefierten Orthostaten. Mit einer Breite von etwa 23 m und noch bis 6 m Höhe erhaltenen Wänden ist der hintere Trakt einer der größten Säle aller Tempel. Dem Mauerwerk links ist ein Doppeltrilith-Altar vorgesetzt, rechts erkennt man eine Feuerstelle.

 

Der kleinere Nordtempel ist weitgehend leer. Die einstmals vorhandenen reliefierten Altarsteine wurden nach der Freilegung vermutlich als Baumaterial abtransportiert. Eine Meisterleistung der chalkolitischen Steinmetzkunst sind die beachtlich exakt gefertigten Werksteine der Durchgänge.

 

Die beiden Orthostaten des inneren Korridors etwa wurden mit konvexen Oberflächen versehen und zur Basis hin schmaler behauen. Dennoch stehen die ohne Abstützung aufgestellten Steine scheinbar unumstößlich fest auf ihrem Platz.

 

Ein erstaunliches Zeugnis der technischen Fähigkeiten der damaligen Zeit ist auch die Außenmauer, die besterhaltene aller maltesischen Tempel. Besonders an der Rückseite des Bauwerks sind die gigantischen Ausmaße der verwendeten Steine zu bewundern. Der größte ist 5,70 m breit, etwa 3, 80 m lang und wiegt 57 t.

 

Diese monumentalen Blöcke wurden auf Steinkugeln transportiert (einige sind noch vor der Fassade zu sehen). Am Bauplatz ließ man sie über Rampen in eine vertikale Lage rutschen und setzte anschließend mit Hilfe von weiteren Erdaufschüttungen die oberen Steine auf. Sämtliche Feinarbeiten wurden erst ausgeführt, nachdem die Steine aufgestellt waren.

 

 

 

 

 

Quelle: ADAC Verlag GmbH